Zuweilen, wenn ich beunruhigt bin von den lauten Rufen der Thronräuber und ihren apokalyptischen Boten und mich vor der Entschleierung meiner letzten englischen Gewissheiten vertrauensvoll und unangreifbar geborgen wissen will, sehe ich mich vor der schönen bunten Wiese stehen, die der Graf Peter von Provence, edler Ritter und lateinischer Held, an einem glänzenden Morgen betritt, bevor er nach abenteuerlichen Irrungen und Wirrungen  seine entführte Geliebte Schön-Magelone wiederfindet. Ein blühender junger  Mann in hellen Kleidern mit prächtigem Schwert umgürtet, achtsam durch die Wiese schreitend der zierlichen Frauengestalt zu.
Am Fuße der neapolitanischen Königstochter ein spielendes Lamm, viele Blumen rot und gelb und himmelblau, singt sie von ihrem hoffnungsvollen Herzenskummer und endet:

„Die Seufzer und die Tränen,
Sie löscht das neue Glück,
Und Hoffen, Fürchten, Sehnen
Verschmilzt in einem Blick.“

Die Geschichte der schönen Magelone gibt es in mancherlei  Formen in alten Sammlungen von Märchen und Sagen. Mein Herz hat die frühromantische Nacherzählung von Ludwig Tieck besonders lieb gewonnen. Sie ist wie ein golddurchwirkter, ornamentierter Bildteppich ineinander verwobener Geschichten der Odyssee zweier Liebender in Prosa und Gesängen. Ihre Sprache ist von solcher Reinheit und Anmut, dass es mir einen Versuch wert schien, Ansichten und  Gefühle des Kunstmärchens in Fragmenten  nachzuempfinden.

Tieck ist ein gutmütiger Treuhänder deutscher kultureller Beheimatung und der Verortung deutscher Sprache.
Gemessen an seinem Genie sind meine Bemühungen Versuche geblieben. Immerhin konnte ich mir das Thema schicksalhafter persönlicher Trennung und der künstlerischen Möglichkeiten von Märchenstoffen in der Malerei zurückgewinnen, wenn auch in ungünstigen Zeiten der Malernot auf den Burgen Wehmut und Schmerzenswacht.

*Ludwig Tieck „Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“, 1796, Die Märchen aus dem Phantasus, Dramen, Winkler Verlag, München 1978