„Ich bin alles, was ist, war und sein wird; meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgehoben.“
Wer oder was spricht da? Sicherlich kein einzelnes Wesen unter anderen oder eine Gestalt, die irgendwo in der Welt ihren bestimmten Ort hätte, vermutlich auch nicht ein Gott, der der Wirklichkeit bloß von außen gegenüberstünde. Wer redet so von sich? Plutarch überliefert diesen Spruch als Inschrift über dem Heiligtum der Isis im ägyptischen Sais, Schiller greift ihn 1790 auf in seinem Aufsatz über „Die Sendung Moses“ als Ausdruck eines allumfassenden göttlichen Wesens.
Ich höre ihn als eine Offenbarung jenes unergründlichen Grundes, aus dem alles hervorgeht, in dem alles gegenwärtig ist und zu dem alles zurückkehrt. Und als Triebfeder meines Philosophierens, das nach nichts weniger als dem Ursprung und Sinn des Ganzen fragt.
Merkwürdig, daß in dieser Aussage, in der sich die Totalität des Wirklichen sammelt, von einem Ich die Rede ist. Womöglich liegt darin seine Zugänglichkeit für uns Erden- und Sternenstaub, die wir uns als Ich bezeichnen und darin für eine kurze Lebensspanne das Zentrum unserer Welt sind. Aber aus diesem Ich, das Alles ist, fällt nichts heraus: Der Stein und die Pflanze, das Tier und der Mensch, Geburt und Vergehen, Licht und Finsternis, Nähe und Ferne – alles ist in dieser Wirklichkeit jenseits des Seins beschlossen. Was uns getrennt erscheint, gehört in ihm zusammen; was in der Zeit auseinandertritt, ist in seinem Ursprung eins. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind für uns voneinander geschieden. Wir leben im Nach- und Nebeneinander, im Noch-nicht und Nicht-mehr. Das Ganze aber umfaßt, was war, was ist und was sein wird, und verliert doch nichts in diesem unaufhörlichen Wechsel.
Seine Wirklichkeit ist größer als die Summe aller Dinge und nicht bloß die schiere Menge des Vorhandenen und Zählbaren. Alles Sichtbare weist auf diesen Grund zurück. Er zeigt sich, aber er gibt sich nicht preis. Darum trägt er auch einen Schleier.
Der Schleier und das Verborgen-Sein vor dem neugierig-sensationslüsternen Blick ist nicht bloß ein äußeres Hindernis zwischen dem Menschen und der Wahrheit. Er ist die Weise, in der sich die Wahrheit des Grundes dem endlichen Wesen zeigt. Was verschleiert ist, ist nicht völlig abwesend. Es ist da, aber es entzieht sich dem unlauteren Zugriff. Der Schleier verbirgt und offenbart zugleich. Er läßt ahnen, daß hinter und in allem Sichtbaren mehr und anderes liegt, als das Sichtbare selbst sagen kann. So beginnen alle Wunder dieser Welt.
Und das kennzeichnet auch die Seelenlage des Philosophierens, ja überhaupt alles Wissen-Wollens. Denn wir spüren ja, wie Wittgenstein hellsichtig sagt, daß unsere eigentlichen Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind, selbst wenn wir alle wissenschaftlichen Fragen beantwortet hätten. Der Grund aller Wirklichkeit bleibt immer unverfügbar, nicht weil er absolut fern wäre, sondern weil er allem näher ist, als irgendein Gegenstand dem erkennenden Blick je sein könnte. Er ist nicht hinter oder über der Welt wie etwas, das eines Tages mit Technik und KI gefunden werden könnte. Er ist in Allem gegenwärtig und innerlicher, als es sich selbst sein kann. Und das ist vermutlich die tiefste Erkenntnis, zu der wir fähig sind.
Hin und wieder bewegt sich der Schleier in den Winden über die sieben Meere. Dann wird für die Wachen einen Augenblick sichtbar, was kein Blick je erschöpfen kann.